Küstengewässer und Unterwasserlebensräume

Foto: R. Hausmann

Foto: Bereich Küstengewässer

Ist von Riffen und Lagunen die Rede, denkt wohl kaum jemand an die heimische Ostsee. Vielmehr erinnert man sich an Bilder aus tropischen Gegenden. Und welcher Strandwanderer vermutet schon eine ganze Reihe verschiedenster Lebensräume unter den Wasserflächen an unseren Küsten? Dem aufmerksamen Beobachter wird die verborgene Welt der Riffe dadurch wahrnehmbar, dass er, nachdem er gerade noch Seegang erlebt hat, nach wenigen hundert Metern nur noch auf Kräuselwellen trifft: Indizien für unterseeische Felsen, Muschel- oder Sandbänke.
Riffe sind also vom Meeresboden aufragende Steinfelder oder Muschelbänke. Sie sind im Bereich der Steilküsten, auf Sandbänken und in strömungsreichen Rinnen zu finden. Algen, wie zum Beispiel der Blasentang, sind auf Riffe angewiesen, weil sie kein Wurzelgeflecht ausbilden, mit dem sie sich im Sandboden festhalten können. Die auffälligsten Riffbewohner in der Ostsee sind die Miesmuscheln, von denen ein einziges Tier in nur einem Jahr bis zu 10.000 Nachkommen haben kann. Sie bilden große Kolonien und schaffen dadurch sogar eigene Riffe. Auf den Muscheln und Steinen leben beispielsweise Seepocken. In den Zwischenräumen kommen massenhaft Borstenwürmer und Kleinkrebse, aber auch kleine Fische vor. Schwärme von Schwebegarnelen halten sich im Strömungsschatten der Riffe auf. Der nahrungsreiche Lebensraum wird gern von räuberisch lebenden Fischen wie dem Dorsch aufgesucht und viele muschel- oder kleintierfressende Wasservögel, zum Beispiel Reiher- und Tafelenten, tummeln sich hier. So verwundert es nicht, dass Riffe und Sandbänke wichtige Bestandteile sowohl von FFH- als auch von Vogelschutzgebieten sind.

Wohl jeder Badegast der Ostseeküste kennt die weit verbreiteten, flach überspülten Sandbänke, die den Weg ins tiefe Wasser gelegentlich recht lang werden lassen. Es gibt sie nicht nur in Strandnähe, sondern in allen Tiefenbereichen der Küstengewässer. Sie schirmen Lagunen und selbst große Meeresbuchten, wie die Wismarbucht und den Greifswalder Bodden, gegen den Einfluss des offenen Meeres ab. Im Vergleich zu den Riffen sind die Sandbänke zwar relativ artenarm, Muscheln, Kleinkrebse und Borstenwürmer können aber sehr hohe Individuenzahlen erreichen. So sind hier 2.000 bis 3.000 Tiere pro Quadratmeter keine Seltenheit.

Durch Freifallen von Flachwasserzonen entsteht ein „Watt“. Im Gegensatz zum Gezeitenwatt der Nordsee mit dem Wechsel von Ebbe und Flut hängen diese Wasserstandsschwankungen an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns von bestimmten Wetterlagen ab. Starke Winde können das Wasser aus den Bodden und Buchten drücken, so dass einige besonders flache Bereiche trocken fallen. Wenn der Wind dreht oder abschwächt, fließt das Wasser zurück. Diese „Windwatten“ sind mit ihrem großen Nahrungsangebot wichtige Rast- und Schlafplätze für Zugvögel, so auch für tausende Kraniche, die im Herbst den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft passieren. Mit Wanderungen in der Wismarbucht bei Zierow oder auf dem Bessin, einem Teil der Insel Hiddensee, lassen sich diese Lebensräume erleben. Empfehlenswert ist zudem ein Besuch des Aussichtsturms in Barhöft, nördlich von Stralsund, der einen weiten Blick auf die Windwattflächen der Inseln „Bock” und „Großer Werder” ermöglicht.
Als Ästuare werden Flussmündungen ins Meer bezeichnet. Durch wechselnde Windrichtungen kann sich dort die Strömung umkehren und schwach salziges Wasser (Brackwasser) aus den Bodden weit in die Flüsse, zum Beispiel in die Recknitz und in die Oder, vordringen. Hier leben Arten, die sowohl im Süß- als auch im mäßig salzigen Wasser existieren können.
Lagunen sind mehr oder weniger vom Meer getrennte Buchten, die durch Sandbänke gegen Brandung, starke Strömungen und Wind geschützt sind. Im Laufe der Zeit werden sie durch weitere natürliche Sandaufspülungen vom Meer abgeriegelt und dann als Strandseen bezeichnet. Sie sind flach und meist dicht mit Unterwasserpflanzen bewachsen. Der Conventer See bei Bad Doberan, der Riedensee westlich Kühlungsborn und der Kölpinsee auf der Insel Usedom sind Beispiele für ehemalige Lagunen, die inzwischen Strandseen geworden sind. Auch viele der für die Küste Mecklenburg-Vorpommerns so typischen Bodden sind große Lagunen, da sie nur schmale Verbindungen zum Meer aufweisen.

Im Gegensatz zu den Lagunen besitzen die Meeresbuchten oder Wieken, wie beispielsweise die Tromper Wiek an der Außenküste Rügens oder die Wohlenberger Wiek bei Wismar, eine breite Verbindung zur Ostsee. Dadurch kann relativ nährstoffarmes und sauerstoffreiches Wasser des offenen Meeres leichter eindringen und Übersättigungen mit Nährstoffen treten seltener auf als in Lagunen. Bis zu 7.000 Krebse, Muscheln und andere Kleintiere pro Quadratmeter Meeresboden machen Meeresbuchten zu geeigneten Laich- und Jungfischgewässern besonders für Hering, Grundeln, Hornhecht, Dorsch und Seeskorpion.

Obwohl in den Küstenlebensräumen raue Bedingungen herrschen, reagieren die dortigen Lebensgemeinschaften auf menschliche Eingriffe sehr empfindlich. So haben Maßnahmen zum Küstenschutz, wie der Bau von Buhnen und Wellenbrechern oder Strandaufspülungen, auch eine Kehrseite. Sie greifen in die natürlichen Prozesse des Küstenabtrags ein und verringern so den Materialtransport zu den Anlandungsbereichen. Damit wird der Nachschub für das natürliche Wachsen von Sandbänken verzögert oder gänzlich unterbunden. Die Lebensgemeinschaften der Ästuare, Lagunen und Meeresbuchten sind vor allem gefährdet, wenn der Wasseraustausch mit dem vorgelagerten Meer durch den Bau von Molen, Brücken und Dämmen behindert oder aber durch Ausbaggerungen verstärkt wird.
Große Belastungen verursachen Stoffeinträge, die bis heute über die Flüsse in die Küstengewässer gelangen. Sie stammen hauptsächlich aus der Landwirtschaft. Die hohen Nährstofffrachten insbesondere der 1970er und 1980er Jahre bewirkten in den Küstengewässern ein zunehmendes Algenwachstum. Die für Ästuare, Lagunen und Meeresbuchten typischen Wasserpflanzen gingen zurück und der Gewässergrund verschlammte zusehends. Trotz teurer Investitionen im Kläranlagenbereich verbessert sich die Gewässergütesituation nur langsam.
Die artenreichen Flachwasserzonen und ihre Ufer werden durch einen Sportbootverkehr, der den schlickigen Boden aufwirbelt und Vögel aufschreckt, ebenso geschädigt wie durch den Bau von Schiffsanlegern und die Ausbaggerung von Fahrrinnen. Besonders die an den Boddenküsten zunehmenden Jachthäfen drängen hier typische Schilfröhrichte zurück und zerstören damit die Brutgebiete vieler Wasservögel. Schilf spielt zudem eine wichtige Rolle bei der Selbstreinigung der Gewässer. Seine ausgedehnten Röhrichte an den inneren Boddenküsten sind unverzichtbar. Werden sie beseitigt, verlieren wirtschaftlich bedeutende Fischarten wie der Hering geeignete Laichgründe und folglich ist die Lebensgrundlage der Küstenfischer in Gefahr.

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