20 Jahre Nationalparke in Mecklenburg-Vorpommern

„Nationale Naturlandschaften“ sind ein Markenzeichen von Mecklenburg-Vorpommern, Landschaften von nationaler Bedeutung, weit über die Grenzen des Landes hinaus. Mecklenburg-Vorpommern hat als einziges Bundesland drei Nationalparke, außerdem zwei Biosphärenreservate und sieben Naturparke, zweifellos eine stolze Bilanz. „Natur pur“ wird in Werbeschriften verheißen und jedes Jahr kommen Millionen Besucher in den Nordosten Deutschlands, um in der Natur Entspannung zu finden, Weite und Stille von Landschaft zu erleben, sei es zu Fuß, per Fahrrad oder Paddelboot. Die zwölf großen Schutzgebiete haben als „Rastplatz Natur“ wesentlichen Anteil daran, dass Mecklenburg-Vorpommern heute zu den beliebtesten Urlaubsregionen in Deutschland zählt und sich erfolgreich zum Gesundheitsland profiliert.


Bemühungen und Initiativen zum Schutz von Natur und Landschaft haben in Mecklenburg und Vorpommern lange Tradition. Hier sei nur an wiederholte herzogliche Verordnungen seit dem 16. Jahrhundert gegen Raubbau und Verwüstung der Wälder, an die Rettung des alten Waldes auf Vilm vor dem Abholzen während der napoleonischen Besetzung 1812, an die Erklärung der „Heiligen Hallen“ zum herzoglichen Schutzgebiet 1847, an Bürgerinitiativen zur Bewahrung der Rügener Kreideküste 1927, an die Lehrstätte für Naturschutz Müritzhof 1954 als erster Bildungsstätte für Naturschutz weltweit erinnert.

Die Geschichte der Nationalparke, Biosphärenreservate und Naturparke hingegen ist noch jung. Zwar gab es in den fünfziger Jahren Vorschläge und Diskussionen um die Einrichtung von Nationalparken auf dem Darß und an der Müritz und im Ergebnis seiner Dissertation über „Die Vegetation der Stubnitz“ formulierte Lebrecht Jeschke 1964 den Vorschlag, das Naturschutzgebiet Jasmund im Sinne eines Nationalparks zu entwickeln. Doch erst mit dem Aufbruch der „Wende“ im Spätherbst 1989 bot sich die historische Chance, ein großräumiges Flächenschutzkonzept in die gesellschaftliche Diskussion und auf die politische Tagesordnung zu bringen.


Vor zwanzig Jahren ist der Impuls zur Entwicklung des Nationalparkprogramms der DDR, das im September 1990 mit dem letzten Beschluss der letzten DDR-Regierung festgesetzt und durch glückliche Umstände in den Einigungsvertrag übernommen wurde, von Mecklenburg-Vorpommern ausgegangen. Umwelt- und Naturschutz waren ein von breiter Zustimmung getragenes Thema der Bürgerbewegung im Herbst 1989. Umweltgruppen forderten saubere Umwelt, Offenlegung von Umweltdaten und die Umwandlung von Truppenübungsplätzen und Staatsjagden in Naturschutzgebiete. Die Auflösung der Staatsjagd an der Müritz gab den Anstoß zur Bürgerinitiative „Müritz-Nationalpark“ in Waren, die ein erstes Konzept für einen Nationalpark an der Müritz entwarf und zugleich die Sicherung weiterer wertvoller Naturlandschaften anregte. Örtliche Initiativen auf dem Darß und auf Rügen brachten Vorschläge für Nationalparke in der Boddenlandschaft und auf Jasmund an runde Tische und in die öffentliche Diskussion. Auch im Harz und in der Sächsischen Schweiz gab es entsprechende Initiativen.


Mit der Berufung des damaligen Volkskammerabgeordneten Prof. Michael Succow zum Stellvertretenden Umweltminister im Januar 1990 wurde die Vision zur realen Chance. Eine Handvoll eilig ins Ministerium berufener Enthusiasten, von den Altministerialen als „Schar bunter Vögel“ wahrgenommen, sollte das vorgeschlagene Nationalparkprogramm konkretisieren und umsetzen, den seit dreißig Jahren von intensiver Landnutzung verschont gebliebenen Grenzstreifen entlang des nun offenen Eisernen Vorhangs als „grüne Grenze“ für die Natur sichern und aufzulassende Truppenübungsplätze in Naturschutzgebiete umwandeln und Grundsätze für eine ökologische Landnutzungspolitik erarbeiten. Ohne Erfahrung in Verwaltungsvorgängen und Rechtsvorschriften aber durchdrungen von der Aufgabe und überzeugt von deren Notwendigkeit machten wir uns an die Arbeit. Zwar war uns bewusst, dass rasches Handeln geboten war, doch ahnten wir nicht, und in welch kurzer Zeit das Werk abzuschließen und welch Hindernisse und unerwarteten Schwierigkeiten zu überwinden sein würden.


Zunächst wurde uns am Beispiel von Mönchgut auf Rügen bewusst, dass man in bewohnten Kulturlandschaften keinen Nationalpark einrichten kann. Diese außerordentlich vielgestaltige und reizvolle Kulturlandschaft gab den Anlass, das Konzept der Biosphärenreservate in das Nationalparkprogramm mit aufzunehmen. Als dritte Kategorie wurden „Naturschutzparke“ für besondere Kulturlandschaften regionaler Bedeutung definiert.


Dann war ein Beschluss des zentralen Runden Tisches zur Legitimation der weiteren Arbeit einzuholen, er wurde Anfang Februar 1990 gefasst. Sodann galt es, die vor Ort tätigen Initiativen zu koordinieren, in das Gesamtprogramm einzubinden und zu unterstützen, gelegentlich gegen Bedenken und Widerstände des noch bestehenden Apparates in Bezirks- und Kreisverwaltungen. Medien und öffentliche Meinung hatten das Thema in jener Zeit jedoch positiv besetzt und so gelang es, insgesamt 27 große Gebiete durch Beschluss der letzten Ministerratssitzung der Übergangsregierung am 16. März einstweilig zu sichern.


Nach der ersten freien Wahl am 18. März stand das Programm zunächst in Frage, da Succow als Stellvertretender Minister nicht bestätigt wurde und im Mai aus dem Ministerium ausschied. Inzwischen hatte das Programm aber solch eine Eigendynamik entfaltet, dass wir einfach weiter machten. Während Kollegen aus manch bundesdeutschen Naturschutzbehörden das Ganze für ein aussichtsloses Unterfangen und uns für reichlich naiv hielten, erfuhren wir von Verbandsseite begeisterten Zuspruch. Ohne die tatkräftige Unterstützung von WWF Deutschland, der Stiftung Europäisches Naturerbe (heute EURONATUR) und des Vereins der Freunde des ersten deutschen Nationalparks Bayerischer Wald wäre das Ziel kaum zu erreichen gewesen. Entscheidenden Anteil am Erfolg hatten aber auch der damalige Bundesumweltminister Prof. Töpfer, sein Staatssekretär Stroetmann und der ins Umweltministerium nach Berlin abgeordnete Berater Ulf Müller-Helmbrecht. Und in der Schlussphase beim Entwurf der Verordnungen erfuhren wir tatkräftige Unterstützung von Landesbehörden aus Nordrhein-Westfalen, Bayern, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein.


Die Festsetzung von fünf Nationalparken, sechs Biosphärenreservaten und zunächst drei Naturparken in „letzter Minute“ vor dem Ende der DDR ist oft als Handstreich oder Husarenstück hingestellt worden. Ein Handstreich war es jedoch wahrlich nicht. Neun Monate harter Arbeit von vielen Menschen an vielen Orten und eine Reihe glücklicher Umstände waren nötig, um mit dem „Nationalparkprogramm der DDR als Baustein für ein europäisches Haus“ den Grundstein für die heutigen Nationalen Naturlandschaften zu legen. Es gehört zu den guten und ermutigenden Erfahrungen jener äußerst bewegten Zeit, dass bei scheinbar unüberwindbaren Hindernissen zur rechten Zeit die rechten Leute am rechten Ort waren und an dieser Stelle weiterhalfen. Die heutige Erfolgsbilanz der Nationalen Naturlandschaften in Mecklenburg-Vorpommern zeigt, dass sich der damalige Einsatz vor zwanzig Jahren gelohnt hat.


Prof. Dr. H. D. Knapp


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